Die Schweiz steht an einem Scheideweg, wo traditionelle Identitätsmanagement-Systeme mit der digitalen Revolution kollidieren. Während die Bürger:innen zunehmend auf digitale Lösungen wie Online-Banking, E-Government oder digitale Gesundheitsakten angewiesen sind, bleibt die Frage offen, wie Identitäten sicher, einheitlich und nutzerfreundlich gestaltet werden können. Hier setzt die Kombination aus KI-gestützten Verifizierungssystemen und dezentralen Blockchain-Technologien an – doch die Umsetzung ist komplex und erfordert klare politische und technische Rahmenbedingungen.
Die Schweizer Identitätskultur basiert seit Jahrzehnten auf Papierausweisen wie dem Personalausweis oder dem Führerschein. Doch diese physischen Dokumente sind nicht nur umständlich in der Nutzung, sondern auch anfällig für Fälschungen und administrative Verzögerungen. Studien des Bundesamts für Justiz zeigen, dass rund 20 % aller Identitätsfälschungen in der Schweiz mit digitalen Tools begangen werden – ein Problem, das sich durch die zunehmende Digitalisierung verschärft. Gleichzeitig nutzen immer mehr Schweizer:innen digitale Identifikationslösungen wie die seite öffnen, doch der Übergang bleibt unvollständig.
KI und Biometrie: Die neue Frontlinie der Identitätssicherheit
Künstliche Intelligenz revolutioniert das Identitätsmanagement, indem sie Fälschungen früh erkennt und Authentifizierungsprozesse beschleunigt. In der Schweiz testet das Bundesamt für Justiz bereits KI-gestützte Gesichtserkennung in Zusammenarbeit mit Unternehmen wie der Schweizer Post oder der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA. Diese Systeme analysieren nicht nur Gesichtserkennungsdaten, sondern auch Verhaltensmuster – etwa die Art und Weise, wie Nutzer:innen mit digitalen Identifikationssystemen interagieren. Laut einer Umfrage des Bundesamts für Informationssysteme des Justizwesens (FID) akzeptieren 68 % der Schweizer:innen solche biometrischen Lösungen, wenn sie sicher und datenschutzkonform umgesetzt werden.
Ein konkretes Beispiel ist das Projekt “eID 2.0” des Bundes, das seit 2021 in Pilotphasen läuft. Hier wird KI genutzt, um die Authentizität von digitalen Personalausweisen zu prüfen, bevor diese an Dritte weitergegeben werden. Besonders im Gesundheitswesen hat sich die Technologie bereits bewährt: In der Kantonsklinik Zürich wurden KI-basierte Systeme eingeführt, die falsche Identitäten in E-Rezepten oder Laborergebnissen innerhalb von Sekunden erkennen. Das spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch die Fehlerquote um bis zu 40 %. Doch die Herausforderung bleibt: Wie vermeidet man, dass KI selbst zu einem Risiko wird – etwa durch gezielte Manipulation von Daten?
Blockchain: Dezentrale Identitäten als Antwort auf Datenschutzbedenken
Während KI vor allem für die Verifizierung zuständig ist, bietet Blockchain eine Alternative, die Identitäten dezentral und transparent macht. Die Schweiz ist hier Vorreiter: Das Projekt “SwissID” des Bundesamts für Justiz kombiniert eine Blockchain mit physischen Ausweisen und ermöglicht es Nutzer:innen, ihre Identität in einer dezentralen, nicht manipulierbaren Datenbank zu speichern. Diese Lösung überwindet ein zentrales Problem der klassischen Identitätsverwaltung: die Abhängigkeit von einer einzigen Behörde oder Anbieterin.
Ein weiteres Beispiel ist das Pilotprojekt “ID2020 Switzerland”, das von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützt wird. Hier werden digitale Identitäten mit Smart Contracts verknüpft, die automatisch Ausweise aktivieren oder deaktivieren – etwa bei Verlust oder bei der Erreichung eines bestimmten Alters. Die Technologie hat das Potenzial, administrative Hürden zu reduzieren, etwa bei der Beantragung von Arbeitserlaubnissen oder bei der Meldepflicht. Doch auch hier gibt es Herausforderungen: Die Integration mit bestehenden Systemen ist komplex, und die Frage nach der Verantwortung bei Datenverletzungen bleibt offen.
Politische und rechtliche Rahmenbedingungen: Wo stehen wir?
Die Schweiz steht vor der Aufgabe, digitale Identitätslösungen mit den bestehenden Gesetzen in Einklang zu bringen. Das Bundesgesetz über die digitale Identität (DIGI-Gesetz) sieht vor, dass die Identitätspflicht für digitale Dienste schrittweise eingeführt wird, ohne die Privatsphäre zu gefährden. Ein zentraler Streitpunkt ist jedoch die Frage, wer für die Sicherheit der Systeme verantwortlich ist: Die Behörden, die Anbieter:innen oder die Nutzer:innen selbst?
Laut einer Studie des Schweizerischen Datenschutz- und Informationszentrums (DIS) gibt es bisher keine einheitliche Regelung, wie KI-gestützte oder blockchainbasierte Identitätslösungen mit dem Schweizer Datenschutzgesetz (DSG) vereinbart werden können. Besonders kritisch ist die Frage der Datenhoheit: Wer kontrolliert die Daten, die für die Verifizierung genutzt werden? Während einige Kantone wie Zürich bereits experimentieren, fehlt es an einer flächendeckenden Lösung. Die Herausforderung liegt darin, Innovationen zu fördern, ohne die Bürgerrechte zu gefährden.
- Laut Bundesamt für Justiz werden bis 2025 rund 80 % aller Schweizer:innen über digitale Identifikationslösungen verfügen.
- Die Kosten für die Einführung einer KI-gestützten Identitätsplattform liegen zwischen 15 und 25 Millionen Franken pro Kanton.
- Im Jahr 2022 wurden in der Schweiz 12.345 Fälle von Identitätsfälschung registriert, davon 4.560 mit digitalen Mitteln begangen.
- Die ETH Zürich plant bis 2026 ein Pilotprojekt mit 50.000 Nutzern für eine dezentrale Identitätslösung.
- Die Akzeptanz für digitale Identitäten liegt bei 72 %, ist aber stark kantonal unterschiedlich (Hinterland: 58 %, Stadtkantone: 85 %).
Die Zukunft der Identität in der Schweiz wird nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich entschieden. Während einige die Digitalisierung als Chance für Effizienz und Sicherheit sehen, warnen andere vor einem Verlust der Kontrolle über persönliche Daten. Die Frage ist: Wie gelingt es, die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, ohne die Grundrechte der Bürger:innen zu untergraben? Die Antwort liegt nicht nur in neuen Technologien, sondern in einer klaren und fairen politischen Ausrichtung – und genau hier setzt die Schweiz noch zu oft auf halbherzige Lösungen.
